Warum ŁKS Łódź zu den spannendsten Walking-Football-Projekten Polens gehört

Es gibt Mannschaften, die einfach nur spielen.
Und es gibt Mannschaften, die etwas verkörpern.
ŁKS Łódź gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Denn hinter diesem Team steckt weit mehr als ein paar ältere Fußballer, die sich einmal pro Woche zum Kicken treffen. Hier geht es um Tradition. Um Gemeinschaft. Um Gesundheit. Um Haltung. Und um die Frage, wie Fußball auch dann noch Teil des Lebens bleiben kann, wenn der Körper längst andere Regeln schreibt als früher.
Mitten in Polen – in einer Stadt mit großer Fußballgeschichte – ist in den vergangenen Jahren eines der interessantesten Walking-Football-Projekte Osteuropas entstanden. Ein Team mit klarer Struktur, mit internationalem Blick und mit einer bemerkenswerten Mischung aus Leidenschaft, Fair Play und Vereinskultur.
Im Gespräch mit der GEHZETTE erzählt Präsident, des polnischen Walking Futbol Verbands und WF ŁKS-Verteidiger Jaro Paradowski von der Entwicklung des Walking Footballs in Polen, von internationalen Turnieren, von älteren Menschen, die durch den Sport „ein neues Leben beginnen“, und davon, warum Walking Football eben kein langsamer Fußball ist – sondern eine eigene Disziplin.
Vom Fan zum Walking-Football-Pionier
Wer mit Jaro Paradowski spricht, merkt schnell:
Hier redet keiner über ein Hobby für zwischendurch.
Seit 2019 steht er an der Spitze von „Walking Futbol Polska“ – jener Organisation, die den Walking Football in Polen fördert, Turniere organisiert und internationale Netzwerke aufbaut.
Und natürlich spielt er selbst.
Nicht irgendwo. Sondern bei seinem Herzensverein.
„Seit meiner Geburt bin ich Fan von ŁKS“, erzählt Paradowski. Deshalb war für ihn klar: Wenn Walking Football in Łódź wächst, dann unter dem Wappen dieses traditionsreichen Vereins.
Auf dem Platz spielt er als Verteidiger. Abseits davon organisiert er Strukturen, baut Kontakte auf und versucht, den Sport in Polen langfristig zu etablieren.
Ein Sonderfall in Polen
Viele Walking-Football-Teams entstehen aus Freundeskreisen.
Eine WhatsApp-Gruppe. Ein paar ehemalige Spieler. Ein freier Kunstrasenplatz.
In Polen ist das meist nicht anders.
Doch ŁKS Łódź geht einen anderen Weg.
Die Mannschaft entstand als offizielle, autonome Sektion innerhalb eines professionellen Fußballvereins – eines Clubs mit Meistertiteln und großer Tradition.
Das verändert vieles.
Trainingsplätze stehen zur Verfügung.
Ausrüstung ebenfalls.
Und plötzlich bekommt Walking Football eine Sichtbarkeit, die andernorts oft fehlt.
Trikots, Trainingsanzüge, Vereinsstruktur – all das sorgt dafür, dass sich die Spieler nicht wie eine Randgruppe fühlen, sondern wie ein echter Teil des Clubs.
Genau darin liegt eine enorme Kraft.
Denn Walking Football lebt nicht nur vom Spiel selbst.
Er lebt davon, ernst genommen zu werden.
Eine Mannschaft aus Fans, Freunden und Fußballmenschen
Interessant ist auch die Zusammensetzung des Teams.
Mehr als ehemalige Fußballer
Besonders interessant ist die Zusammensetzung des Teams.
Denn die Mannschaft besteht eben nicht hauptsächlich aus ehemaligen Profis oder nostalgischen Altstars.
Viele Spieler waren nie professionelle Fußballer.
Sie kommen aus völlig unterschiedlichen Lebensbereichen:
Fans des Vereins.
Freunde.
Menschen, die Bewegung suchen.
Menschen, die Gemeinschaft suchen.
Doch vielleicht noch wichtiger:
Trotz aller bekannten Namen wirkt die Mannschaft nie elitär.
Sondern offen.
Internationale Anerkennung für ŁKS Łódź

Marek Dziuba und Tomasz Cebula, wir kommen weiter unten noch näher auf sie zurück, wurden inzwischen sogar offiziell als
„Ambassador of Walking Football“ ausgezeichnet — ein bemerkenswertes Zeichen dafür, welchen Stellenwert die Entwicklung des Walking Footballs innerhalb des polnischen Netzwerks inzwischen besitzt.
Wie stark sich die Mannschaft inzwischen international vernetzt hat, zeigt auch eine besondere Auszeichnung aus den Niederlanden.
Jarosław Paradowski erhielt im Mai 2026 vom Goldstars Heracles Almelo ein offizielles
„Certificate of Ambassadorship“ des Almelo City Cup.
In der Urkunde wird ausdrücklich hervorgehoben, dass Paradowski über Jahre hinweg die Werte von Fair Play, Freude am Spiel und internationalen Austausch aktiv unterstützt habe.
Besonders bemerkenswert:
Die Organisatoren betonen darin, dass er entscheidend dazu beigetragen habe, Teams aus Polen regelmäßig nach Almelo zu bringen und dadurch den internationalen Charakter des Turniers zu stärken.
Das zeigt:
ŁKS Łódź reist nicht einfach nur zu Turnieren.
Die Mannschaft hilft aktiv dabei, europäische Walking-Football-Netzwerke aufzubauen.
Denn anders als viele vielleicht erwarten würden, besteht die Mannschaft nicht hauptsächlich aus ehemaligen Profis.
Die meisten Spieler sind Fans, Sponsoren oder Menschen aus dem Umfeld des Vereins. Fußball war immer Teil ihres Lebens – aber eben nicht zwangsläufig als Beruf.
Und genau das macht die Geschichte so sympathisch.
Natürlich gibt es prominente Namen.
Trainer ist Marek Dziuba, der mit Polen bei der Weltmeisterschaft 1982 den dritten Platz erreichte.
Außerdem gehören bekannte ehemalige ŁKS-Spieler wie Zdzisław Leszczyński zum erweiterten Umfeld der Mannschaft.
Manchmal spielt sogar Tomasz Cebula mit – auch wenn er inzwischen in den Niederlanden lebt.
Doch entscheidend ist etwas anderes:
Die Mannschaft versteht sich nicht als Traditionself ehemaliger Stars.
Sie versteht sich als Gemeinschaft.
„Wir sind eine großartige Gruppe von Freunden“, sagt Paradowski.
Und genau diesen Satz spürt man beinahe in jeder Antwort.
ŁKS Walking Futbol Ladies
Ein besonders spannender Teil des Projekts ist inzwischen das Frauenteam von ŁKS Łódź. Die „ŁKS Walking Futbol Ladies“ entstanden offiziell im Jahr 2024 und gehören damit zu den frühen organisierten Frauen-Walking-Football-Teams Polens.
Bereits zuvor waren Frauen aus dem ŁKS-Umfeld bei Mixed- und internationalen Turnieren aktiv. Beim Edeka Cup 2024 in Berlin erzielten beispielsweise Karolina Łodkowska und Agnieszka Wierzyńska wichtige Tore für WF ŁKS gegen internationale Konkurrenz.
Gleichzeitig zeigt sich hier auch die besondere Kultur des Vereins: Frauen-Walking-Football wirkt bei ŁKS nicht wie ein Anhängsel, sondern wie ein selbstverständlicher Teil des Clubs. Das passt zur langen Tradition von Frauen-Sportabteilungen innerhalb des multi-sportlichen ŁKS-Kosmos — von Basketball bis Volleyball.
Besonders bemerkenswert ist außerdem, dass die Frauenmannschaft nicht isoliert aufgebaut wird, sondern eng mit internationalen Mixed- und Fair-Play-Turnieren verbunden ist. Genau dadurch entsteht in Łódź gerade etwas, das im europäischen Walking Football noch selten ist: ein gemeinsames Vereinsmodell, in dem Männer-, Frauen- und Mixed-Walking-Football nebeneinander wachsen und voneinander profitieren.
Walking Football als zweites Leben
Vielleicht ist das der emotional stärkste Teil des Interviews.
Denn immer wieder spricht Paradowski darüber, wie sehr Walking Football Menschen verändert.
Nicht im sportlichen Sinne.
Sondern menschlich.
Er erzählt von älteren Menschen, die plötzlich wieder Motivation haben, das Haus zu verlassen. Von Menschen über 60, die wieder Teil einer Gemeinschaft werden. Von Spielern, die nach gesundheitlichen Problemen oder einem sportlichen Rückzug plötzlich merken:
Da geht noch etwas.
Und genau hier zeigt sich die eigentliche Stärke des Walking Footballs.
Es geht nicht nur um Bewegung.
Es geht um Teilhabe.
Um Struktur im Alltag.
Um soziale Kontakte.
Um gemeinsame Erlebnisse.
Um das Gefühl, wieder gebraucht zu werden.
Viele klassische Sportangebote hören irgendwann auf.
Walking Football beginnt oft genau dort erst richtig.
Kein langsamer Fußball – sondern ein anderes Spiel
Besonders spannend sind Paradowskis Aussagen zur Spielkultur.
Denn auch in Polen gibt es dieselben Diskussionen wie in Deutschland, den Niederlanden oder England:
Was passiert, wenn Spieler laufen?
Wie geht man mit Körperkontakt um?
Und warum fällt vielen der Umstieg so schwer?
Die Antwort ist erstaunlich klar.
Neue Spieler müssten verstehen, dass Walking Football eine andere Sportart sei.
Nicht eine langsamere Version des klassischen Fußballs.
Sondern etwas Eigenständiges.
„Diese Regel soll uns schützen“, sagt Paradowski über das Laufverbot.
Und genau darin steckt eine entscheidende Denkweise.
Viele sehen Regeln im Walking Football zunächst als Einschränkung.
Tatsächlich sind sie aber die Grundlage dafür, dass Menschen überhaupt noch spielen können.
Ohne Laufregel würde aus Walking Football schnell wieder Altherrenfußball werden.
Mit all seinen Risiken.
Taktik statt Sololäufe
Auch sportlich beschreibt Paradowski das Spiel bemerkenswert präzise.
Walking Football sei taktisch.
Der Ball müsse schnell laufen.
Freie Räume seien entscheidend.
Dribblings über den halben Platz hätten keinen Sinn.
Wer Walking Football ernsthaft spielt, erkennt darin sofort die Wahrheit.
Denn oft gewinnt nicht die schnellste Mannschaft.
Sondern die cleverste.
Es geht um Positionierung.
Um Übersicht.
Um Passwinkel.
Um Ruhe.
Walking Football bestraft Egoismus häufig schneller als klassischer Fußball.
Und genau deshalb entstehen dort oft überraschend schöne Mannschaftsspiele.
Fair Play als Grundhaltung
Immer wieder taucht im Gespräch ein Begriff auf:
Fair Play.
Nicht als Marketingwort.
Nicht als Turnierbanner.
Sondern als echte Haltung.
Paradowski betont mehrfach, wie wichtig ihm Respekt gegenüber Gegnern, Regeln und Schiedsrichtern sei.
Und das passt auffällig gut zu vielen Entwicklungen innerhalb der internationalen Walking-Football-Szene.
Denn überall dort, wo Walking Football langfristig funktioniert, entsteht meist eine Kultur des gegenseitigen Schutzes.
Natürlich gibt es Ehrgeiz.
Natürlich will jeder gewinnen.
Aber der eigentliche Kern bleibt:
Alle sollen gesund nach Hause gehen.
Internationale Bühne statt Provinzdenken
Beeindruckend ist auch der internationale Blick der Polen.
Während manche Walking-Football-Gruppen fast ausschließlich regional denken, reist ŁKS Łódź regelmäßig durch Europa.
Deutschland.
Niederlande.
Frankreich.
Spanien.
Besonders prägend scheint dabei der Almelo City Cup zu sein.
Dort spielte das Team bereits mehrfach eine starke Rolle:
2023 und 2024 wurde man Zweiter.
2025 folgte schließlich der Turniersieg, der jüngst in 2026 verteidigt wurde.
Nur wenige Tage nach den erfolgreichen Auftritten in Bielefeld beim Alm Cup und beim Almelo City Cup setzte ŁKS Łódź seine internationale Reise direkt fort — und hinterließ auch in Frankreich starke Spuren. Am 22. und 23. Mai repräsentierte die Mannschaft den Łódzki Klub Sportowy bei dem Turnier in Nord-Frankreich mit beeindruckender Bilanz: zweimal oben auf dem Siegertreppchen und einmal Drittplatzierter sprechen eine deutliche Sprache. Zum Kader gehörten unter anderem Tomasz Cebula, Zdzisław Leszczyński, Jaro Paradowski, Tomasz Wojtczyk sowie Trainer Marek Dziuba. Auch wenn diesmal kein Turniersieg gelang, wurde der dritte Platz im französischen Valenciennes als großer Erfolg gefeiert. Im Spiel um Platz drei besiegte WF ŁKS das französische Breizh Team mit 1:0 — den entscheidenden Treffer erzielte Tomasz Wojtczyk. Das Finale gewann schließlich Phoenix aus Frankreich gegen ein deutsches Team aus Gelsenkirchen mit 2:0. Besonders bemerkenswert: Trotz der vielen Spiele und Reisen wirkte die Mannschaft auf Bildern und Videos nie wie eine reine Wettbewerbstruppe, sondern wie eine eingeschworene Gemeinschaft, die den internationalen Walking Football mit Leidenschaft, Fair Play und bemerkenswerter Energie lebt.
Doch wichtiger als Ergebnisse scheint etwas anderes:
Die Atmosphäre.
Immer wieder fällt das Wort „Freude“.
Und vielleicht beschreibt genau das den Unterschied zwischen Walking Football und vielen klassischen Wettbewerben.
Internationale Begegnungen bedeuten hier oft nicht nur Konkurrenz.
Sondern Freundschaft.
Warum Polen genauer beobachtet werden sollte
In Deutschland wird häufig auf England oder die Niederlande geschaut, wenn über Walking Football gesprochen wird.
Polen taucht dagegen vergleichsweise selten auf.
Vielleicht zu Unrecht.
Denn was dort gerade entsteht, wirkt bemerkenswert dynamisch.
Rund 30 Teams trainieren inzwischen regelmäßig.
Es gibt Ligen.
Internationale Turniere.
Frauen-Teams.
Mixed-Wettbewerbe.
Und vor allem:
Menschen mit Visionen.
Menschen wie Jaro Paradowski.
Eine Mannschaft mit Haltung
Am Ende bleibt ein Eindruck hängen:
ŁKS Łódź ist nicht einfach nur ein Walking-Football-Team.
Es ist ein Beispiel dafür, wie Tradition, Gesundheitssport und soziale Gemeinschaft zusammenfinden können.
Nicht laut.
Nicht künstlich.
Sondern organisch.
Vielleicht fasst das Vereinsmotto deshalb alles am besten zusammen:
„Wir spielen aus Freude, vergessen unsere Sorgen, gehen aufs Feld, um Spaß zu haben und gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen.“
Jaro Paradowski
Manchmal ist Fußball genau dann am stärksten, wenn er aufhört, sich nur um Ergebnisse zu drehen.
