TEAM DER WOCHE #15 // Hamburger SV Walking Football

Zwischen Raute, Reisefieber und der Suche nach entspanntem Fußball

Es gibt Mannschaften im Walking Football, die über sportliche Erfolge definiert werden wollen.
Und es gibt Teams wie Hamburger SV Walking Football.

Dort scheint etwas anderes wichtiger zu sein: Atmosphäre. Gemeinschaft. Fairness. Und die Frage, wie Fußball auch im Gehen seine Seele behalten kann.

Wer mit Ronald Haunholter und Sven Büttner spricht, merkt schnell: Beim HSV Walking Football geht es nicht um Tabellen oder Titel. Zumindest nicht zuerst.

Es geht um Menschen.

Mit der Raute auf der Brust

Sven Büttner ist Trainer und Koordinator des Walking Footballs beim HSV. Ronald Haunholter unterstützt ihn im Organisationsteam und leitete die Sparte zuvor selbst.

Die Walking-Football-Abteilung entstand vor rund drei Jahren zunächst im Bereich Inklusion und wurde später offiziell der Fußball-Abteilung des HSV e.V. angegliedert.

Der Beginn war keine große Vereinskampagne.

Sondern Eigeninitiative.

Eine kleine Gruppe baute Schritt für Schritt etwas auf, das inzwischen fester Bestandteil des Vereinslebens geworden ist.

Und natürlich spielt auch die emotionale Verbindung zum HSV eine besondere Rolle.

„Als Fan des HSV ist es natürlich eine Ehre, jetzt offiziell mit der Raute auflaufen zu dürfen.“

Doch gleichzeitig beschreiben beide auch eine gewisse Verantwortung, die mit dem Namen des Vereins verbunden sei.

Denn wer den HSV repräsentiert, repräsentiert mehr als nur eine Mannschaft.
Er repräsentiert Haltung, Außenwirkung und Tradition.

Zwischen großer Fußballgeschichte und kleiner Gruppe

Der HSV zählt über 140.000 Mitglieder.
Die Walking-Football-Sparte umfasst aktuell etwa 25 Spielerinnen und Spieler.

Eine überschaubare Gruppe also.

Und dennoch spürt man im Gespräch, dass genau darin auch eine Stärke liegt: Nähe.

Der Großteil der Mannschaft rekrutiert sich aus HSV-Fans mit völlig unterschiedlichen Hintergründen. Viele haben seit Jahrzehnten keinen Fußball mehr gespielt. Andere suchen gezielt einen gesundheitsorientierten Zugang zum Sport.

Die berühmten HSV-Legenden fehlen bislang allerdings noch.

„Leider ist es uns noch nicht gelungen, Legenden wie Horst Hrubesch zu gewinnen – wir bleiben aber dran.“

Allein dieser Satz verrät bereits viel über den Humor innerhalb der Mannschaft.

Eine Mannschaft mit Verhaltenskodex

Besonders interessant wird es, wenn Ronald und Sven über die Entwicklung der Teamkultur sprechen.

Denn die verlief nicht immer konfliktfrei.

Vor etwa zwei Jahren gab es innerhalb der Mannschaft einige „überehrgeizige Charaktere“, die sowohl intern als auch nach außen Spannungen erzeugten.

Ein Thema, das viele Walking-Football-Teams kennen dürften.

Der HSV reagierte darauf bewusst.

Man begann stärker darauf zu achten, welche Menschen neu zur Mannschaft stoßen. Zusätzlich entwickelte das Team eine Art Verhaltenskodex.

Seitdem beschreiben beide die Atmosphäre mit einem einzigen Wort:

„Entspannt.“

Und genau dieses Wort zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Philosophie des Teams.

Fair Play wichtiger als Siege

Während manche Teams im Walking Football zunehmend leistungsorientiert auftreten, setzt der HSV bewusst andere Schwerpunkte.

Die Mannschaftsansprachen vor Spielen drehen sich laut Ronald und Sven nicht um sportliche Ziele oder Ergebnisse.

Sondern um:

  • Fairness
  • Respekt
  • Außenwirkung
  • gegenseitige Rücksichtnahme

„Für uns hat es mehr Aussagekraft, als fair auftretende Mannschaft gesehen zu werden, als Siege nach Hause einzufahren.“

Ein Satz, der im heutigen Fußball fast schon ungewohnt klingt.

Wie ernst der HSV diesen Ansatz nimmt, zeigte sich zuletzt beim Alm-Cup in Bielefeld. Besonders stolz war man dort nicht auf Ergebnisse – sondern auf das Lob eines Schiedsrichters.

Gemeinsam mit Goldstars Heracles Almelo sei der HSV das fairste und entspannteste Team des Turniers gewesen.

Für Ronald und Sven offenbar wichtiger als jede Platzierung.

Jeder soll spielen

Ein weiterer Punkt fällt im Interview sofort auf:

Der HSV Walking Football versucht bewusst, allen anwesenden Spielerinnen und Spielern Einsatzzeiten zu ermöglichen.

Auch dann, wenn dadurch sportliche Nachteile entstehen.

„Auch wenn dadurch nicht immer die stärkste Mannschaft auf dem Platz steht.“

Dieser Gedanke beschreibt sehr präzise den Unterschied zwischen klassischem Wettbewerbsdenken und einem gemeinschaftsorientierten Walking Football.

Nicht maximale Leistung steht im Mittelpunkt.
Sondern Teilhabe.

Wenn Ehrgeiz zum Problem wird

Natürlich kennt auch der HSV die typischen Konfliktfelder des Walking Footballs:

  • Laufen
  • Körperkontakt
  • übertriebener Ehrgeiz

Gerade neue Spieler müssten sich oft erst an die besondere Spielweise gewöhnen.

Das Team versucht deshalb bereits im Training gegenzusteuern.

Und wenn sich problematisches Verhalten dauerhaft nicht ändere, ziehe man auch klare Konsequenzen.

„Bessert sich das Verhalten nicht, legen wir auch mal einen Vereinswechsel nahe.“

Eine bemerkenswert klare Aussage.

Sie zeigt gleichzeitig, wie ernst der HSV seine Teamkultur nimmt.

Gesundheit, Gemeinschaft und Fanclubleben

Auf die Frage, ob der HSV Walking Football eher Gesundheitssport, sozialer Treffpunkt oder sportlicher Wettbewerb sei, lautet die Antwort sinngemäß:

von allem etwas.

Wobei der Wettbewerb zunehmend in den Hintergrund trete.

Deutlich wichtiger scheinen die gemeinsamen Erlebnisse zu sein:

  • Reisen
  • Turniere
  • gemeinschaftliche Abende
  • Stadionbesuche
  • Veranstaltungen außerhalb des Sports

Sogar ein offizieller HSV-Fanclub wurde gegründet.

Viele Partnerinnen begleiten die Mannschaft zu Reisen und Turnieren. Dadurch entsteht etwas, das weit über gewöhnlichen Trainingsbetrieb hinausgeht.

Walking Football wird hier zum sozialen Netzwerk.

Eggermühlen, Berlin, Sonderburg

Fragt man nach prägenden Erlebnissen, sprechen Ronald und Sven weniger über einzelne Spiele als über gemeinsame Reisen.

Besonders genannt werden:

  • Eggermühlen
  • Berlin
  • Sonderburg in Dänemark
  • das eigene Traditionsturnier in Hamburg

Gerade Turniere mit Übernachtungen scheinen für die Mannschaft eine besondere Bedeutung zu haben.

Vielleicht auch deshalb, weil Walking Football dort oft seine eigentliche Stärke zeigt:

Menschen verbringen Zeit miteinander, nicht nur Spielminuten.

Muskelkater inklusive

Neue Spielerinnen und Spieler reagieren laut HSV häufig überrascht auf die Intensität des Sports.

Vor allem einige Tage später.

„Sobald der Muskelkater einsetzt.“

Gleichzeitig habe man durch gezieltes Aufwärmtraining erreicht, dass sich neue Teilnehmer heute kaum noch verletzen.

Das sei früher durchaus anders gewesen.

Auch hier zeigt sich die Entwicklung des Teams: weg vom spontanen Freizeitkicken, hin zu einem bewussteren Umgang mit Gesundheit und Belastung.

Die „Dritte Halbzeit“

Natürlich spielt auch beim HSV die berühmte „Dritte Halbzeit“ eine zentrale Rolle.

Gastmannschaften werden regelmäßig zum Grillen eingeladen.

Gemeinschaft gehört ausdrücklich zum Konzept.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse des modernen Walking Footballs:

Die Zeit nach dem Spiel ist oft genauso wichtig wie das Spiel selbst.

Kritik an der Entwicklung des Walking Footballs

Interessant und durchaus deutlich äußern sich Ronald und Sven auch zur aktuellen Entwicklung des Walking Footballs in Deutschland.

Beide beobachten zunehmend Tendenzen zur Selbstdarstellung einzelner Personen.

„Es wird teilweise nicht mehr miteinander gesprochen, sondern versucht, andere schlecht zu machen.“

Besonders kritisch sehen sie mögliche Abspaltungen und parallele Strukturen innerhalb der Szene.

Der DFB halte sich bislang eher zurück und überlasse vieles den Regionalverbänden.

Wie sich das künftig entwickelt, bleibe abzuwarten.

Blick nach England und in die Niederlande

Beeindruckt zeigt sich der HSV vor allem von der Größe englischer Walking-Football-Abteilungen.

Dreistellige Mitgliederzahlen seien dort keine Seltenheit.

An den Niederlanden schätzt man dagegen besonders die entspannte Spielkultur.

Dabei zitieren Ronald und Sven eine Aussage von Huib von Heracles Almelo, die offenbar Eindruck hinterlassen hat:

„So wenig Regeln wie möglich.“

Der internationale Austausch sei enorm wichtig, um voneinander zu lernen.

Und genau darin liegt vielleicht eine der größten Chancen des Walking Footballs in Europa.

Ein Satz, der alles zusammenfasst

Zum Abschluss sollten Ronald und Sven den HSV Walking Football in nur einem einzigen Satz beschreiben.

Die Antwort passt erstaunlich gut zu allem, was zuvor gesagt wurde:

„Wir stehen für einen entspannten Walking Football, für den Spaß und Fair Play nach innen und außen am wichtigsten sind.“

Vielleicht ist genau das momentan eine der spannendsten Entwicklungen im Walking Football:

Dass manche Teams beginnen zu erkennen, dass Erfolg nicht immer auf einer Anzeigetafel sichtbar wird.

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