DER FLACHE PASS #4 – Zwischen Frankfurt und Fair Play

Walking Football steht in Deutschland an einem Punkt, an dem sich entscheidet, wohin die Reise geht. In der zweiten Folge des Walking-Football-Podcasts sprechen Steffan Wemcken vom TV Neuenburg und GEHZETTE-Herausgeber Rolf Jone Allerdissen über genau diesen Moment: einen Sport im Aufbruch – und die Frage, ob sein ursprünglicher Sinn erhalten bleibt.

Ausgangspunkt des Gesprächs ist ein Termin, der in der Szene bereits für Gesprächsstoff sorgt: ein Workshop zum Thema Walking Football auf dem Campus des Deutscher Fußball-Bund in Frankfurt. Dort sollen Vertreter der Landesverbände zusammenkommen, um über die Zukunft des Sports zu sprechen.

Doch während sich die Verbände treffen, stellt sich an der Basis eine andere Frage: Wer spricht eigentlich für die Menschen, die jede Woche auf den Plätzen stehen?


Ein Sport im Wachstum – aber noch ohne klare Richtung

Walking Football steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Die Zahl der Teams wächst, neue Trainingsgruppen entstehen in Vereinen, Seniorenzentren und Sportprojekten. Gleichzeitig fehlt vielerorts noch eine klare Struktur.

Genau darüber diskutieren Wemcken und Allerdissen in der neuen Podcastfolge.

Der Eindruck vieler Engagierter: Die Entwicklung läuft zwar dynamisch, aber die Kommunikation zwischen Basis und Verbänden funktioniert noch nicht ausreichend. Vereine organisieren Trainings, Turniere und Projekte – oft aus eigener Initiative und mit viel Idealismus.

Die Hoffnung vieler Aktiver ist deshalb klar:
Der Workshop in Frankfurt könnte ein wichtiger Schritt sein, um Walking Football in Deutschland strategisch weiterzuentwickeln.

Doch eine zentrale Frage bleibt:

Welche Rolle spielt die Basis in diesem Prozess?


Wettbewerb oder Gesundheitssport?

Im Mittelpunkt der Diskussion steht ein Thema, das derzeit viele Gespräche in der Szene prägt: der Zielkonflikt zwischen Wettbewerb und Gesundheitsfußball.

Walking Football entstand ursprünglich mit einer klaren Idee. Menschen sollten auch im höheren Alter weiter Fußball spielen können – ohne Überforderung, ohne Verletzungsrisiko und ohne Leistungsdruck.

Steffan Wemcken bringt es im Podcast auf den Punkt:

„Walking Football wurde nicht erfunden, um Turniere zu gewinnen. Jeder Spieler soll nach jedem Training zufrieden vom Platz gehen.“

Damit beschreibt er einen Grundgedanken des Sports: Bewegung, Gemeinschaft und Lebensqualität stehen im Mittelpunkt.

Doch mit wachsender Popularität entstehen auch andere Strukturen. Turniere, Tabellen, Leistungsvergleiche – all das gehört für manche Teams inzwischen ebenfalls dazu.

Allerdissen sieht darin keinen Widerspruch, solange beide Formen nebeneinander existieren können. Problematisch wird es erst, wenn der Wettbewerb den Charakter des Sports verändert.

Denn dann kann genau das passieren, was Walking Football eigentlich verhindern wollte.


Wenn Wettbewerb Menschen ausschließt

Ein zentrales Thema der Podcastfolge ist die Gefahr, dass Leistungsdenken im Walking Football zu neuen Ausgrenzungen führen kann.

Steffan Wemcken beschreibt eine Situation, die viele Teams kennen: Wenn Turniere oder Ligabetrieb im Mittelpunkt stehen, entsteht schnell eine Zwei-Klassen-Struktur. Die stärkeren Spieler fahren zu Wettbewerben, die anderen bleiben zurück.

Das widerspricht dem ursprünglichen Gedanken des Sports.

Walking Football sollte Menschen zurück in Bewegung bringen – auch diejenigen, die lange keinen Sport mehr gemacht haben oder gesundheitliche Einschränkungen mitbringen.

Wird der Wettbewerb zum Maßstab, kann genau diese Gruppe wieder verloren gehen.

Allerdissen ergänzt diese Perspektive mit einer persönlichen Erinnerung aus seiner Jugend im Mannschaftssport: die Erfahrung, einmal bei einem wichtigen Spiel komplett auf der Bank zu sitzen. Für viele Menschen kann so etwas ein Bruch sein – und genau solche Erfahrungen sollen im Walking Football eigentlich vermieden werden.


Regeln – weniger ist manchmal mehr

Ein weiterer Diskussionspunkt im Podcast ist das Regelwerk.

Walking Football orientiert sich grundsätzlich am klassischen Fußball, ergänzt um spezielle Regeln – etwa zum Gehen statt Laufen oder zur Begrenzung der Ballhöhe.

Doch im Detail gibt es viele Varianten. Unterschiedliche Landesverbände nutzen teilweise eigene Auslegungen, international existieren ebenfalls verschiedene Regelmodelle.

Ein Beispiel ist der Torraum, der in manchen Varianten des Spiels existiert und in anderen nicht.

Wemcken berichtet von einem Trainingsversuch ohne diese Regel. Das Ergebnis: Das Spiel veränderte sich kaum. Für ihn ein Hinweis darauf, dass manche Vorschriften möglicherweise unnötig kompliziert sind.

Beide Gesprächspartner plädieren deshalb für ein einfaches, verständliches Regelwerk – eines, das den Charakter des Spiels unterstützt, statt ihn zu überlagern.


Die wichtigste Regel: Schutz

Besonders deutlich wird die Diskussion beim Thema Körperkontakt.

Hier sind sich beide einig: Walking Football braucht einen klaren Schutzraum.

Viele Spielerinnen und Spieler bringen gesundheitliche Einschränkungen mit, andere haben lange keinen Sport mehr betrieben. Gerade deshalb ist Vertrauen entscheidend.

Die Regel sollte deshalb eindeutig sein: kein Körperkontakt.

Unklare Formulierungen wie „übermäßiger Kontakt“ führen schnell zu Diskussionen – und im Zweifel zu Situationen, in denen sich Spieler unsicher fühlen.

Der Schutzgedanke ist einer der Gründe, warum Walking Football überhaupt entstanden ist. Wird er nicht konsequent umgesetzt, verliert der Sport einen Teil seiner Identität.


Der Hüter der Kultur

Aus dieser Diskussion entsteht im Podcast ein Begriff, der das Wesen des Spiels gut beschreibt: der Hüter der Kultur.

Gemeint sind Menschen, die nicht nur auf Regeln achten, sondern auch auf den Geist des Spiels.

Das können Schiedsrichter sein, Trainer oder einfach jemand am Spielfeldrand, der darauf achtet, dass Fairness und Respekt erhalten bleiben.

Walking Football lebt von einer besonderen Atmosphäre: gegenseitige Rücksichtnahme, Humor, Gespräche nach dem Spiel – die berühmte „dritte Halbzeit“.

Diese Kultur entsteht nicht automatisch. Sie muss gepflegt werden.


Ein neuer Anfang in Leipzig

Zum Ende der Podcastfolge berichtet Allerdissen von einem eigenen Projekt: Beim Leipziger Traditionsverein SG Olympia 1896 Leipzig entsteht derzeit eine neue Walking-Football-Gruppe.

Der Aufbau beginnt praktisch bei null – und genau darin liegt die Chance.

Die Idee ist, von Anfang an eine Kultur zu etablieren, in der Teilhabe, Gesundheit und Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen.

Ein Modell, das zeigen könnte, wie Walking Football in Zukunft organisiert werden kann.


Die Basis hat eine Stimme

Die zweite Podcastfolge endet mit einem klaren Aufruf.

Bis zum Workshop in Frankfurt bleibt noch Zeit – Zeit für Ideen, Fragen und Vorschläge aus der Szene.

Wer Walking Football spielt oder organisiert, sollte diese Chance nutzen und seine Erfahrungen an die Landesverbände weitergeben.

Denn eines ist klar:

Walking Football ist nicht am grünen Tisch entstanden.
Er ist auf Bolzplätzen, Trainingsfeldern und Vereinsanlagen gewachsen.

Und genau dort liegt auch seine Zukunft.

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