Zwischen Gesundheit, Gemeinschaft und Fair Play

Wenn über Walking Football gesprochen wird, fallen häufig Länder wie England, die Niederlande oder zunehmend auch Deutschland. Weniger bekannt ist jedoch, dass sich in San Marino seit einigen Jahren ein bemerkenswertes Projekt entwickelt hat, das viele Elemente vereint, die international oft nur theoretisch diskutiert werden: Gesundheit, soziale Teilhabe, wissenschaftliche Begleitung und Fair Play.
Der Beginn: Walking Football als Gesundheitsprojekt
Die Federazione Sammarinese Giuoco Calcio startete ihr Walking-Football-Projekt zur Saison 2022/23. Von Beginn an stand dabei nicht der Wettbewerb im Mittelpunkt, sondern die gesundheitliche Wirkung für Menschen über 50 Jahre. Besonders bemerkenswert: In der ersten Projektphase richtete sich das Angebot gezielt an Menschen mit Diabetes Typ II.
Bereits damals wurden medizinische Untersuchungen durchgeführt und die Teilnehmer wissenschaftlich begleitet. Die FSGC arbeitete dafür eng mit dem Diabeteszentrum des Krankenhauses von San Marino zusammen.
Vom Pilotprojekt zur festen Struktur
Was zunächst als Gesundheitsinitiative begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem festen Bestandteil der Verbandsarbeit.
2025 sprach die FSGC bereits von einer etablierten Aktivität, die kontinuierlich wächst und immer mehr Teilnehmer anzieht. Die Saison 2025/26 wurde öffentlich vorgestellt und ausdrücklich für neue Interessierte geöffnet.
Besonders auffällig ist dabei die Sprache des Verbandes:
Walking Football wird nicht als „Seniorensport“ vermarktet, sondern als Bewegungsangebot mit nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteilen und sozialem Mehrwert.
Das Debüt auf internationaler Bühne
Ein wichtiger Meilenstein erfolgte Ende Juni 2025.

Unter dem Namen FSGC San Marino nahm die Mannschaft erstmals an einem offiziellen internationalen Turnier teil – dem 4. Torneo Città di Fermo in den italienischen Marken. Gegner waren unter anderem:
- Fermana WF
- Asti
- Pro Calcio Ascoli
- ASD Roma
- Real Maranello
Sportlich blieb zwar ein Sieg aus, doch die Mannschaft gewann den Fair-Play-Preis des Turniers. Außerdem erzielten die Titanen drei Tore, zwei durch Andrea Gualtieri und eines durch Luigi Belisardi.
Gerade dieser Fair-Play-Preis wirkt symbolisch:
Während viele Walking-Football-Projekte zunehmend in Richtung Wettbewerb und Ergebnisorientierung tendieren, wurde San Marino bei seinem ersten offiziellen Auftritt vor allem für Haltung und sportlichen Geist ausgezeichnet.
Zusammenarbeit mit dem Diabeteszentrum
Der vielleicht spannendste Teil des Projekts liegt jedoch außerhalb des Spielfeldes.
Andrea Zoppis, Projektverantwortlicher der FSGC, erklärte nach dem Turnier, dass die Zusammenarbeit mit dem Diabeteszentrum des Krankenhauses von San Marino weiter ausgebaut werden soll. Ziel ist es, die gesundheitlichen Auswirkungen von Walking Football wissenschaftlich genauer zu untersuchen.
Damit bewegt sich San Marino in einem Bereich, der international immer stärker diskutiert wird:
- Bewegung als Medizin
- Prävention statt Reparatur
- soziale Aktivierung
- langfristige Gesundheitsförderung
- wissenschaftliche Evaluation
Die FSGC betrachtet Walking Football ausdrücklich als Instrument zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit chronischen Erkrankungen.
Dr. Tatiana Mancini – Medizinische Begleitung zwischen Diabetesprävention und Bewegung

Eine wichtige Rolle im gesundheitlichen Umfeld des sammarinesischen Walking-Football-Projekts spielt Dr. Tatiana Mancini. Die Endokrinologin leitet das Modul für endokrine und stoffwechselbedingte Erkrankungen innerhalb der Inneren Medizin des Staatlichen Krankenhauses von San Marino. Ihr Fachgebiet umfasst insbesondere Diabetes, Stoffwechselerkrankungen und deren Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen. Gerade deshalb steht ihre Arbeit in engem Zusammenhang mit den gesundheitlichen Zielen des Walking Football. Die Verbindung von regelmäßiger Bewegung, sozialer Aktivität und medizinischer Begleitung gilt heute als wichtiger Baustein im Umgang mit Diabetes Typ II. Das Projekt der FSGC verfolgt genau diesen Ansatz: Menschen nicht nur in Bewegung zu bringen, sondern ihnen langfristig neue Perspektiven für Gesundheit, Gemeinschaft und Wohlbefinden zu eröffnen. Mit Expertinnen wie Dr. Tatiana Mancini erhält dieser Weg eine wissenschaftlich fundierte Grundlage und zeigt, wie eng Sport und Gesundheitsförderung miteinander verbunden sein können.
Das macht die Geschichte von San Marino noch interessanter: Dort arbeiten Fußballverband, Gesundheitswesen und Fachmedizin sichtbar an derselben Idee — Walking Football nicht als nostalgische Fußballvariante, sondern als Instrument für Prävention, Teilhabe und Lebensqualität.
Mehr als Fußball
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt ist die soziale Komponente.
In den offiziellen Stellungnahmen wird immer wieder betont, dass Begegnungen, Gemeinschaft und soziale Erfahrungen genauso wichtig seien wie die körperliche Aktivität selbst.
Damit folgt San Marino einem Ansatz, der in vielen klassischen Fußballstrukturen oft unterschätzt wird:
Walking Football funktioniert nicht nur wegen des Balls.
Es funktioniert, weil Menschen:
- wieder Teil einer Gruppe werden,
- regelmäßige Termine haben,
- sich bewegen,
- soziale Isolation überwinden,
- neue Kontakte aufbauen.
Blick in die Zukunft
Für die Saison 2025/26 hat die FSGC bereits angekündigt:
- weitere internationale Turniere,
- Ausbau der Teilnehmerzahlen,
- Fortsetzung der medizinischen Kooperation,
- langfristig sogar die Möglichkeit eines internen Wettbewerbs oder einer Liga innerhalb San Marinos.
Damit entwickelt sich in der kleinen Republik ein Projekt, das weit über klassischen Freizeitfußball hinausgeht.
Warum San Marino interessant ist
Aus deutscher Perspektive wirkt das Projekt fast wie ein Labor für viele Fragen, die auch hier diskutiert werden:
- Wie erreicht man Menschen mit Diabetes Typ II?
- Wie kann Fußball Teil von Gesundheitsförderung werden?
- Wie lassen sich soziale Isolation und Bewegungsmangel bekämpfen?
- Welche Rolle spielen Universitäten und Kliniken?
- Wie bleibt Fair Play wichtiger als Leistungsdruck?
Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, ob Walking Football eher Freizeit-, Gesundheits- oder Wettkampfsport sein soll, versucht San Marino offenbar, alle drei Bereiche miteinander zu verbinden.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Projekts.
Nicht die Größe der Republik.
Nicht die Zahl der Mannschaften.
Sondern die Idee, dass Fußball auch dann noch gesellschaftlichen Wert haben kann, wenn niemand mehr rennen muss.
Wer ist der Antrieb bei den Sammarinesen?
Matteo Giardi – der Coach

Matteo Giardi gehört zu den prägenden Gesichtern des Walking Football in San Marino. Gemeinsam mit Thomas Berti begleitet er die Mannschaft der FSGC seit den ersten Jahren des Projekts und steht für einen Ansatz, der weit über den sportlichen Wettbewerb hinausgeht. Unter seiner Mitwirkung entwickelte sich das sammarinesische Walking-Football-Programm von einer gesundheitsorientierten Initiative zu einem festen Bestandteil des Sportangebots der Republik. Dabei stehen für Giardi nicht allein Ergebnisse oder Tabellenplätze im Mittelpunkt, sondern vor allem Bewegung, soziale Teilhabe und die Freude am gemeinsamen Spiel. Mit Geduld, Fachwissen und einer großen Nähe zu den Teilnehmenden trug er dazu bei, dass die FSGC-Mannschaft 2025 ihr internationales Debüt beim Torneo Città di Fermo feiern konnte – gekrönt vom Gewinn des Fair-Play-Preises. Damit verkörpert Matteo Giardi jene Werte, die Walking Football in San Marino auszeichnen: Gemeinschaft, Respekt, Gesundheit und die Überzeugung, dass Fußball Menschen in jedem Lebensalter verbinden kann.
Quellen:
FSGC – Walking Football
Eigene Recherche
