DER VEREIN DER WOCHE #3 – Perspektive für Sachsen

Im Gespräch mit Dieter Gstettner vom SV Althen 90 (Leipzig)

Wenn man verstehen möchte, wie Walking Football in Sachsen wächst, lohnt sich der Blick dorthin, wo Ideen zu Strukturen werden – in Vereine, die mutig anfangen. Einer dieser Orte ist der SV Althen 90, einem Sportverein in der Sportstadt Leipzig. Hier steht Dieter Gstettner für genau jene Mischung aus Beharrlichkeit, Neugier und Gemeinschaftssinn, die diese Spielform trägt.


Der Moment, in dem alles begann

Der Einstieg war unspektakulär – und gerade deshalb so typisch für viele Walking-Football-Geschichten.
Im Mai 2023 bot der Sächsische Fußball-Verband in Machern eine Informationsveranstaltung an. Am „Tag nach dem Vatertag“, vormittags. Ein Termin, der nicht unbedingt nach Massenandrang klingt. Tatsächlich war Dieter der einzige Teilnehmer.

Was nach Randnotiz klingt, wurde zum Ausgangspunkt.
Im intensiven Austausch mit Rainer Hepner vom SFV entstand die Idee, Walking Football im eigenen Heimatverein zu versuchen. Dieter ist dort seit 1996 aktiv – mit verschiedenen Funktionen, mit Vereinsbindung, mit einem gewissen Dickkopf, der manchmal nötig ist, damit Dinge passieren.

So wurde aus einem Termin mit einer Person ein Startimpuls für einen Verein.


Lebensqualität als Motor

Warum engagiert man sich zusätzlich auf Verbandsebene?
Dieters Antwort ist klar: Walking Football schenkt Menschen 55+ etwas zurück, das oft verloren geht – Spieltrieb, Bewegung, Zugehörigkeit. Präventionssport wird hier nicht abstrakt gedacht, sondern erlebt.

Der demografische Wandel wirkt dabei nicht als Problem, sondern als Chance. Eine wachsende Altersgruppe sucht Angebote, die körperlich möglich und sozial attraktiv sind. Walking Football trifft genau diesen Punkt.


Sachsen: Von zwei Vereinen zur kleinen Dynamik

Die Entwicklung ist jung, aber sichtbar.
2023 begann Sachsen praktisch bei null – genauer gesagt bei zwei aktiven Vereinen. Heute sind es rund zwölf.

Diese Bewegung entstand nicht durch ein einzelnes Großprojekt, sondern durch viele kleine Bausteine:

  • Medienberichte im Hörfunk und Fernsehen
  • Zeitungsartikel, lokale Berichterstattung
  • Workshops in Vereinen
  • Präsentationen bei Orts- und Vereinsfesten
  • Mundpropaganda
  • Showformate wie „Walking-Football-Family“

Gerade dieses generationenübergreifende Format – Großeltern, Eltern, Kinder gemeinsam – wirkt als Türöffner. Es zeigt, dass Walking Football weniger Regelwerk als Haltung ist.


Der besondere Wert kleiner Vereine

Im SV Althen zeigt sich ein Effekt, den viele bestätigen:
Walking Football holt Menschen zurück in den Verein.

Erfahrungen, Beziehungen, Engagement – all das wird wieder aktiv. Für kleine Vereine bedeutet das nicht nur ein zusätzliches Angebot, sondern Stabilisierung. Vereinsleben wird breiter, nicht älter.


Menschen gewinnen: Einladung statt Erwartung

Viele Interessierte haben lange keinen Fußball gespielt. Der Schlüssel liegt laut Dieter im direkten Ansprechen – ohne Hemmung, ohne Leistungsdruck.

Der Spieltrieb verschwindet nicht. Er braucht nur einen Anlass.
Walking Football schafft genau diesen Raum: mitmachen dürfen, statt beweisen müssen.


Gesundheit, Gemeinschaft, Wachstum

Dieter beschreibt die Wirkung fast schlicht – und gerade darin liegt die Stärke:
Mehr Lebensqualität, kameradschaftlicher Umgang, sportlicher Ehrgeiz in gesunder Form. Daraus entsteht Selbstvertrauen. Und daraus wächst wiederum der Verein.

Walking Football ist damit nicht nur Angebot, sondern Vereinsentwicklung.


Die Fragen der Starter

Wenn Vereine beginnen wollen, drehen sich die ersten Fragen selten um Taktik:

  • Wie gewinnen wir Spielerinnen und Spieler?
  • Funktioniert Fußball im Gehen wirklich?
  • Wer begleitet uns beim Einstieg?

Hier zeigt sich die Bedeutung von Beratung und Netzwerk. Orientierung reduziert Unsicherheit.


Herausforderungen: Bewusstsein schaffen

Die größte Aufgabe liegt weniger im Interesse als im Verständnis.
In Stadt- und Kreisverbänden braucht es „Kümmerer“, die erkennen, dass Walking Football gleichzeitig Mitgliedergewinnung und Mitgliederbindung ist.

Die Generation 55+ muss aktiv angesprochen werden. Nicht passiv abgewartet.


Formate, die wirken

Besonders erfolgreich sind niedrigschwellige Begegnungen:

  • Präsentationen bei Vereins- und Ortsfesten
  • Generationenformate wie „Walking-Football-Family“
  • Nachbarschaftsturniere
  • Regional- und Landesmeisterschaften

Sie verbinden Sichtbarkeit mit Erfahrung – und genau daraus entsteht Nachfrage.


Vernetzung als Beschleuniger

Sachsen tauscht sich zunehmend mit Sachsen-Anhalt und Thüringen aus.
Verbände und Mannschaften lernen voneinander, teilen Lösungen, vermeiden Umwege.

Walking Football wächst nicht linear, sondern über Beziehungen.


Was nachhaltige Standorte ausmacht

Entscheidend ist eine gemeinsame Haltung: kein Leistungsfußball, sondern Gesundheitssport mit Offenheit.
Wenn diese Basis klar ist, entsteht Mannschaftsgeist, der nach außen wirkt.

Die Botschaft lautet dann nicht „Wir trainieren“, sondern:
Das macht Spaß – komm dazu.


Veränderungen bei Teilnehmenden

Regelmäßiges Spielen verändert mehr als Fitness.
Menschen freuen sich aufeinander, tauschen Erfahrungen aus, gewinnen Sicherheit im Alltag. Körperliche Stabilität und Selbstvertrauen wachsen gemeinsam.

Dieter nennt es mehrfach: zurückgewonnene Lebensqualität.


Vereinsalltag trifft Verbandsentwicklung

Der Spagat ist real. Kleine Beschwerden im Training sind genauso wichtig wie strategische Planung. Beides braucht Aufmerksamkeit.

Was hilft, ist ein Team – Menschen mit Lust, Ideen und Humor. Ohne diese Gruppe bleibt Entwicklung Theorie.


Der Blick nach vorn im SFV

Der Verband ist aktiv, doch Dieter sieht klare nächste Schritte:

  • stärkere Öffentlichkeitsarbeit
  • Social-Media-Präsenz
  • Qualifizierung von Trainerinnen und Trainern
  • Gewinnung und Ausbildung von Schiedsrichtern

Walking Football braucht Strukturen, nicht nur Begeisterung.


Bundesweite Perspektive

In vielen westdeutschen Ballungsräumen ist die Entwicklung weit fortgeschritten. Die Landkarte füllt sich. Gleichzeitig bleiben in den neuen Bundesländern große weiße Flächen.

Zentrale Fragen der nächsten Phase:

  • Präventionssport oder Ligabetrieb – oder beides?
  • Altersöffnung
  • Integration und Inklusion
  • Qualifizierungssysteme
  • Rolle von Spielbegleitern

Dazu kommen Ressourcen: Personal und Finanzierung entscheiden, wie schnell Strukturen entstehen.


Ein Satz, der vieles zusammenfasst

Dieter formuliert es nicht als Strategiepapier, sondern als Einladung:

Komm, wir gehen. Chancen nutzen – Zukunft gestalten.

Das klingt einfach. Aber genau aus solchen Sätzen entstehen Bewegungen.


Einordnung der Redaktion

Die Geschichte des SV Althen 90 zeigt exemplarisch, wie Walking Football wächst: nicht durch große Programme, sondern durch Menschen, die anfangen – manchmal allein im Seminarraum, später im Team auf dem Platz.

Netzwerk bedeutet dabei mehr als Austausch. Es bedeutet, Erfahrungen weiterzugeben, Unsicherheiten zu reduzieren und Mut zu vervielfachen.

Sachsen ist noch am Anfang. Aber die Richtung stimmt. Und manchmal beginnt eine Entwicklung eben mit einer einzigen Person, die sitzen bleibt, nachfragt – und sagt: Wir probieren das.

👣⚽️✌🏻

1 Gedanke zu „DER VEREIN DER WOCHE #3 – Perspektive für Sachsen“

  1. Steffan Wemcken

    Es ist immer wieder schön zu lesen, wie sich die Dinge ähneln. Viel Erfolg und noch mehr Spaß euch in Sachsen.
    Bleib am Ball!
    Liebe Grüße
    Steffan

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