Warum das Walking-Football-Zertifikat mehr ist als nur eine Urkunde

Als der Deutsche Fußball-Bund vor einigen Jahren begann, über eine strukturierte Ausbildung für Walking Football nachzudenken, war vielen Beteiligten klar: Es geht nicht nur darum, ein weiteres Zertifikat in die ohnehin schon umfangreiche Landschaft der Trainerqualifikationen einzuführen. Es geht um die Frage, wie eine noch junge Sportart ihre eigene Kultur, ihre eigenen Werte und ihre eigene Zukunft entwickeln kann.
In der aktuellen Folge des GEHZETTE PODCAST sprechen Steffan Wemcken und Rolf Jōne Allerdissen über genau diesen Weg – und über ihre ganz persönlichen Erfahrungen bei den ersten Pilotlehrgängen des DFB in Duisburg-Wedau und Berlin-Wannsee.
Vier Jahre Warten auf den Anpfiff
“Seit über vier Jahren kämpfen wir darum, dass es eine fundierte Ausbildung für Walking Football gibt”, sagt Steffan Wemcken gleich zu Beginn des Gesprächs. Tatsächlich ist die Entwicklung des DFB-Zertifikats kein spontaner Einfall, sondern das Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit von Menschen, die Walking Football nicht als Randerscheinung, sondern als eigenständige Sport- und Bewegungskultur verstehen.
Dass nun in Niedersachsen gleich zwei neue Lehrgänge angeboten werden, ist deshalb für viele Beteiligte mehr als nur eine organisatorische Nachricht. Es ist ein Signal: Walking Football wird zunehmend ernst genommen.
Dabei betonen beide Gesprächspartner etwas, das viele Interessierte überraschen dürfte: Die Ausbildung richtet sich ausdrücklich nicht nur an ehemalige Trainer oder Fußballfunktionäre. Voraussetzung ist weder eine Trainerlizenz noch eine jahrzehntelange Erfahrung im Vereinswesen. Wer Freude am Walking Football hat und bereit ist, sich mit der Sportart auseinanderzusetzen, bringt bereits die wichtigste Voraussetzung mit.
Vom Videomeeting zur Sportschule
Die Ausbildung beginnt nicht erst mit der Anreise zur Sportschule. Bereits zwei Wochen zuvor startet eine digitale Vorbereitungsphase. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen sich in einer Videokonferenz kennen, erhalten erste fachliche Inhalte und bereiten sich gemeinsam auf die Präsenztage vor.
Was zunächst nach klassischer Erwachsenenbildung klingt, entwickelt sich nach den Erfahrungen von Wemcken und Allerdissen schnell zu etwas anderem: zu einer Gemeinschaft von Menschen, die eine gemeinsame Leidenschaft verbindet.
Während Steffan Wemcken seinen Lehrgang in Duisburg absolvierte, führte der Weg von Rolf Jōne Allerdissen an die Sportschule Berlin-Wannsee. Zwei unterschiedliche Orte – und doch offenbar dieselbe Erfahrung: eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Klassenfahrt, Fußballtradition und Zukunftswerkstatt liegt.
Der Geist von Wedau
Wer einmal in der Sportschule Wedau gewesen ist, versteht, warum dieser Ort im deutschen Fußball beinahe mythischen Charakter besitzt. Generationen von Fußballerinnen und Fußballern, Trainerinnen und Trainern sowie Nationalmannschaften haben hier gelernt, trainiert und diskutiert.
Für Steffan Wemcken wurde dieser Geist unmittelbar spürbar. Die Zimmer, benannt nach berühmten Fußballpersönlichkeiten. Die Flure voller Fußballgeschichte. Die gemeinsamen Mahlzeiten. Die Gespräche bis spät in die Nacht.
“Man fühlte sich dort einfach aufgehoben”, beschreibt er die Atmosphäre.
Und genau diese Gemeinschaftserfahrung scheint einer der größten Werte der Ausbildung zu sein.
Der Geist von Wannsee
Auch in Berlin-Wannsee entstand etwas, das weit über die reine Wissensvermittlung hinausging. Inmitten der Waldlandschaft am Wannsee trafen Menschen zusammen, die aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands kamen, aber dieselbe Überzeugung teilten: Walking Football ist mehr als Fußball ohne Laufen.
Aus den offiziellen Lehrgangseinheiten wurden Diskussionen über Spielkultur, Fair Play und Vereinsentwicklung. Aus Bekanntschaften entstanden Netzwerke. Und aus manchen Begegnungen sogar Freundschaften, die bis heute bestehen.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Die Referierenden vermittelten nicht nur Wissen – sie lernten gleichzeitig selbst von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Keine Angst vor Prüfungen
Ein Thema, das viele Interessierte offenbar besonders beschäftigt, ist die Angst vor Prüfungen. Beide Gesprächspartner können hier beruhigen.
Die Online-Aufgaben seien bewusst niedrigschwellig gestaltet. Die Videosequenzen dienten nicht dazu, Teilnehmer “durchfallen” zu lassen, sondern dazu, das Verständnis für die Besonderheiten des Walking Football zu schärfen. Antworten konnten mehrfach überprüft und verbessert werden.
“Man will Menschen gewinnen und nicht aussortieren”, lautet die gemeinsame Einschätzung.
Die Ausbildung verfolgt ein anderes Ziel: Sie soll Menschen befähigen, Walking Football verantwortungsvoll und mit Freude in ihren Vereinen anzubieten.
Die offene Frage nach der Kultur
Und dennoch bleibt eine Frage offen.
Wie viel Raum erhalten eigentlich die Werte des Walking Football innerhalb der Ausbildung?
Beide Gesprächspartner berichten übereinstimmend, dass Themen wie Fair Play, Haltung, Gesundheitsorientierung und Gemeinschaft zwar immer wieder von Teilnehmerinnen und Teilnehmern eingebracht wurden, aber noch keinen festen Platz innerhalb der offiziellen Ausbildungsstruktur besitzen.
Gerade darin sehen sie jedoch die eigentliche Zukunft der Sportart.
Walking Football ist eben nicht einfach “Altherrenfußball im Gehen”. Es ist ein Gesundheits-, Begegnungs- und Gemeinschaftssport. Ein Sport, der Menschen zusammenbringt, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.
Ein Zertifikat – und viel mehr
Wer am Ende eines solchen Lehrgangs nach Hause fährt, nimmt deshalb weit mehr mit als eine Urkunde.
Man nimmt neue Trainingsideen mit.
Man nimmt neue Kontakte mit.
Man nimmt neue Perspektiven mit.
Und vielleicht vor allem die Erkenntnis, dass Walking Football längst zu einer Bewegung geworden ist, die weit über den Spielfeldrand hinausreicht.
Oder, um es mit den Worten der aktuellen Podcastfolge zu sagen:
Zwischen Wedau und Wannsee entsteht gerade nicht nur eine Ausbildung. Es entsteht eine Kultur.
