TEAM DER WOCHE #13 // Väterchen Zufall in Bocholt

„Walking Football ist keine Frage des Alters – sondern eine Frage der Einstellung.“

Zwischen alten Fußballgeschichten, neuen Perspektiven und der Liebe zum Spiel hat sich bei FC Olympia Bocholt 1911 e.V. etwas entwickelt, das weit mehr ist als nur eine weitere Trainingsgruppe.

Walking Football bei Olympia Bocholt ist Begegnungsraum, Gesundheitsidee, Fußballnostalgie und Gemeinschaft zugleich. Hier spielen Menschen zwischen 29 und 80 Jahren zusammen. Frauen und Männer. Frühere Leistungsspieler ebenso wie Menschen, die wegen Verletzungen oder gesundheitlicher Einschränkungen längst glaubten, ihre aktive Fußballzeit sei vorbei.

Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Geschichte dieses Teams.


Vom Radiobeitrag zur Mannschaft

Manchmal entstehen besondere Projekte nicht durch langfristige Strategiepapiere oder große Vereinskonzepte.
Sondern durch Zufälle.

Oder wie Simon Jasiczak sagt:

„Da spielte Väterchen Zufall eine sehr große Rolle.“

Simon ist heute Trainer, Teammanager und Koordinator der Walking-Football-Mannschaft von Olympia Bocholt. Der erste Impuls kam allerdings aus dem Radio. Dort hörte er einen Beitrag über Walking Football. Seine Frau reagierte sofort:

„Das wäre doch etwas für dich.“

Ein Satz, der etwas auslöste.

Denn Fußball war für Simon nie einfach nur ein Hobby gewesen. Vielmehr beschreibt er ihn als Liebe und Leidenschaft. Aufgrund zahlreicher Verletzungen musste er irgendwann mit dem aktiven Fußball aufhören – allerdings nicht freiwillig.

Und genau das sei der schwierige Punkt gewesen.

„Ich konnte für mich nur schwer mit dem Thema Fußball abschließen, weil ich nicht selbstbestimmt aufgehört habe.“

Walking Football eröffnete plötzlich eine neue Möglichkeit. Einen zweiten Zugang zum Spiel. Einen Weg zurück auf den Platz.

Nur gab es damals in Bocholt noch gar kein entsprechendes Angebot.

Also beschloss Simon kurzerhand, selbst eine Gruppe aufzubauen.


Acht Menschen und eine neue Idee

Die entscheidende Unterstützung kam aus dem direkten Vereinsumfeld. Kerstin Willting, frühere Trainerin seiner Kinder, hörte von der Idee und stellte den Kontakt zum Vereinspräsidenten Peter Müller her.

Gemeinsam wurde ein erster Trainingstermin organisiert.

Über die Lokalpresse startete Olympia Bocholt einen öffentlichen Aufruf.

Zum ersten Training erschienen acht Personen.

Acht Menschen, die wahrscheinlich noch nicht ahnten, dass daraus einmal eine feste Walking-Football-Struktur entstehen würde.

Heute blickt die Mannschaft auf Turniere, Auswärtsfahrten und zahlreiche gemeinsame Erlebnisse zurück.

Und dennoch wirkt der Geist der Anfangstage noch immer präsent: unkompliziert, offen und gemeinschaftlich.


Eine Mannschaft zwischen 29 und 80 Jahren

Der wohl auffälligste Unterschied zu vielen anderen Teams liegt bei Olympia Bocholt in der Altersstruktur.

Die Spannweite reicht von unter 30 bis über 80 Jahre.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Das Team versteht sich ausdrücklich als Mixed-Team. Frauen und Männer trainieren und spielen gemeinsam.

Simon beschreibt diese Mischung als große Stärke:

„Wir achten aufeinander und fördern uns gegenseitig.“

Auch Mitspieler Rolf Schlatt, 71 Jahre alt, betont genau diesen Punkt. Für ihn zeichnet sich die Mannschaft vor allem durch ihre Vielfalt aus:

  • unterschiedliche Altersgruppen
  • verschiedene sportliche Hintergründe
  • weibliche Mitspielerinnen
  • verschiedene körperliche Voraussetzungen

Gerade daraus entstehe eine besondere Dynamik.

Denn im Walking Football verschwimmen klassische Fußballhierarchien oft schneller als im regulären Spielbetrieb. Geschwindigkeit verliert an Bedeutung. Kommunikation, Übersicht, Fairness und gegenseitige Rücksicht gewinnen dagegen enorm an Wert.


Demokratie statt Kabinenhierarchie

Interessant ist auch die Art, wie Entscheidungen innerhalb der Mannschaft getroffen werden.

Simon versucht bewusst, viele Dinge demokratisch zu lösen:

„Jeder hat eine Stimme, keiner wird bevorzugt oder benachteiligt.“

Das klingt zunächst unspektakulär. Im Amateurfußball ist es allerdings keineswegs selbstverständlich.

Walking Football scheint bei Olympia Bocholt bewusst als soziale Mannschaftskultur verstanden zu werden – nicht nur als sportliches Angebot.

Gerade ältere Spielerinnen und Spieler bringen dabei Lebenserfahrung ein. Jüngere wiederum häufig neue Dynamik und Perspektiven. Entscheidend sei letztlich, dass niemand sich wichtiger nimmt als das Team.

Oder wie Rolf es formuliert:

„Wir begegnen uns auf und neben dem Platz auf Augenhöhe.“


Der zweite Fußballfrühling

Besonders emotional wird das Interview immer dann, wenn Simon über seine persönliche Beziehung zum Fußball spricht.

Walking Football beschreibt er als seinen „zweiten Fußballfrühling“.

Das wirkt keineswegs wie eine Floskel.

Viele Menschen im Walking Football kennen genau dieses Gefühl: Der Körper signalisiert irgendwann Grenzen. Verletzungen häufen sich. Der klassische Fußball wird schwieriger oder unmöglich. Gleichzeitig bleibt die emotionale Bindung an den Sport bestehen.

Walking Football schafft hier eine seltene Brücke.

Es erlaubt weiterhin Teilhabe.
Weiterhin Mannschaft.
Weiterhin Kabine.
Weiterhin Ballkontakte.
Weiterhin Fußballgespräche nach dem Training.

Und genau diese emotionale Dimension wird in vielen Diskussionen über Walking Football häufig unterschätzt.

Es geht nicht nur um Bewegung.
Es geht auch um Identität.


Zwischen Gesundheitssport und Wettbewerb

Besonders spannend ist die ehrliche Selbstreflexion des Teams beim Thema Wettbewerb.

Auf die Frage, ob Olympia Bocholt sich eher als Gesundheitssport- oder Wettbewerbsteam versteht, antwortet Simon bemerkenswert offen:

„Vor ein paar Wochen hätte ich vermutlich noch gesagt: fairer Wettbewerb.“

Inzwischen habe sich die Perspektive allerdings verändert. Neue Erkenntnisse aus dem Walking-Football-Zertifikat hätten ihn stärker Richtung Gesundheitssport denken lassen.

Das Ziel sei heute ein gesunder Mix.

Dieser Wandel zeigt exemplarisch eine Entwicklung, die derzeit an vielen Standorten im deutschen Walking Football sichtbar wird:

  • Wie viel Wettbewerb tut dem Sport gut?
  • Wo beginnt Leistungsdenken den ursprünglichen Charakter zu verändern?
  • Wie bleibt Walking Football offen für Menschen mit Einschränkungen?
  • Wie verhindert man Überforderung?

Olympia Bocholt scheint diese Fragen nicht ideologisch zu beantworten, sondern praktisch.

Gesundheit bleibt Vorrang.
Ehrgeiz darf trotzdem existieren.

Rolf beschreibt das treffend als:

„Gesundheitssport mit der richtigen Dosis Ehrgeiz.“


Die ewige Diskussion ums „Laufen“

Natürlich bleibt auch Olympia Bocholt von den typischen Walking-Football-Debatten nicht verschont.

Das Thema „Laufen“ taucht regelmäßig auf.

Simon begegnet dem allerdings erstaunlich entspannt:

„Manchmal ist es einfach ein komisches Gangbild aus gesundheitlichen Gründen.“

Gerade im Walking Football treffen Menschen mit völlig unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen aufeinander. Nicht jede Bewegung wirkt gleich. Nicht jeder Schritt sieht identisch aus.

Das verlange Fingerspitzengefühl.

Hin und wieder gebe es Diskussionen oder lockere Kommentare – danach werde aber einfach weitergespielt.

Auch Körperkontakt versuche man möglichst zu vermeiden, wobei das mal besser und mal schlechter funktioniere.

Rolf ergänzt:

„Das wird konsequent gepfiffen oder angesprochen.“

Genau darin zeigt sich die Herausforderung moderner Walking-Football-Kultur: Regeln müssen vorhanden sein, gleichzeitig braucht es soziale Intelligenz im Umgang miteinander.


Schalke, Hamburg und emotionale Erinnerungen

Fragt man nach den prägendsten Momenten der Mannschaft, fallen zwei Erlebnisse besonders häufig:

  • das Spiel auf Schalke
  • die Mannschaftsfahrt nach Hamburg mit dem Spiel gegen den HSV

Solche Reisen sind im Walking Football oft weit mehr als sportliche Termine.

Sie verbinden Generationen.
Sie schaffen Erinnerungen.
Sie geben Menschen neue soziale Räume.

Gerade ältere Spielerinnen und Spieler erleben dadurch häufig wieder jene klassische Fußballgemeinschaft, die sie aus früheren Jahrzehnten kennen.

Nur in einem anderen Tempo.


Die Bedeutung der „Dritten Halbzeit“

Fast noch wichtiger als die Spiele selbst scheint bei Olympia Bocholt allerdings etwas anderes zu sein:

die Zeit danach.

Die berühmte „Dritte Halbzeit“.

Nach dem Training sitzt die Mannschaft zusammen, erzählt Geschichten und diskutiert über Fußball früher und heute.

Simon beschreibt besonders die Gespräche zwischen den Generationen als spannend:

„Wenn über die verschiedenen Trainings- und Disziplinmethoden gesprochen wird.“

Das klingt zunächst nebensächlich, ist aber vermutlich ein zentraler sozialer Wert des Walking Footballs.

Hier entstehen Begegnungen, die im normalen Alltag oft verloren gehen.

Menschen unterschiedlicher Generationen verbringen freiwillig Zeit miteinander – verbunden durch Fußball.


Kein „Alte-Leute-Sport“

Ein Thema liegt Simon besonders am Herzen:

Walking Football soll nicht als reine Seniorenbeschäftigung verstanden werden.

Er hofft ausdrücklich, dass sich künftig auch jüngere Menschen mit Handicap oder gesundheitlichen Einschränkungen stärker trauen, Walking Football auszuprobieren.

Denn für ihn gilt:

„Walking Football ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage des richtigen Mindsets.“

Dieser Satz beschreibt vermutlich den Kern dessen, wofür Olympia Bocholt steht.

Nicht Defizite sollen sichtbar werden.
Sondern Möglichkeiten.

Nicht das, was jemand nicht mehr kann.
Sondern das, was weiterhin möglich bleibt.


Pioniere in Bocholt

Mitspieler Rolf Schlatt sieht die Mannschaft heute bereits als Pionierprojekt in Bocholt.

Und tatsächlich wirkt Olympia Bocholt wie ein Beispiel dafür, wie Walking Football in Deutschland wachsen könnte:

  • generationenübergreifend
  • gesundheitsorientiert
  • offen
  • gemeinschaftlich
  • ohne elitäres Denken
  • mit Fußballleidenschaft
  • aber ohne den Zwang permanenter Leistung

Oder, um es mit dem offiziellen Mannschaftssatz zu sagen:

„Gemeinschaft, Zusammenhalt und Spaß – aus Liebe zum Spiel.“

Vielleicht ist genau das am Ende die wichtigste Botschaft dieses Teams.

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