JOHANNES’ KABINENANSPRACHE // Mehr FairPlay wagen

Kann der Walking Football noch vor dem Fußball gerettet werden?

Der Fußball ist eine der erfolgreichsten Ideen der Moderne. Millionen Menschen spielen ihn, Milliarden verfolgen ihn. Doch mit seinem Erfolg kamen auch Entwicklungen, die viele Menschen irgendwann vom Spiel ausgeschlossen haben: Tempo, körperliche Härte, Leistungsdruck und die permanente Orientierung am Ergebnis.

Walking Football war einmal die Antwort auf genau dieses Problem.

Die Grundidee war bestechend einfach: Fußball sollte wieder für Menschen zugänglich werden, die glaubten, ihre aktive Zeit sei längst vorbei. Für ältere Menschen. Für Menschen nach Krankheit oder Verletzung. Für diejenigen, die den Ball nie aus den Augen verloren hatten, deren Körper aber nicht mehr bereit war, den Anforderungen des klassischen Spiels zu folgen.

Plötzlich entstand etwas Neues.

Nicht das Ergebnis stand im Mittelpunkt, sondern die Teilnahme. Nicht der Zweikampf, sondern der Pass. Nicht die körperliche Überlegenheit, sondern Übersicht, Technik und Spielverständnis.

Doch inzwischen stellt sich eine unbequeme Frage:

Kann der Walking Football noch vor dem Fußball gerettet werden?

Die Frage klingt zunächst paradox. Schließlich ist Walking Football eine Form des Fußballs. Doch genau darin liegt das Problem.

An vielen Orten kehren die alten Muster zurück. Das Spiel wird schneller. Regelverstöße werden toleriert. Körperliche Härte wird als „Dynamik“ bezeichnet. Der sportliche Erfolg gewinnt zunehmend an Bedeutung. Titel, Ranglisten und Meisterschaften rücken in den Vordergrund.

Damit schleicht sich genau jene Kultur wieder ein, von der sich Walking Football ursprünglich abgrenzen wollte.

Niemand wird bestreiten, dass Wettbewerb ein Teil des Sports ist. Menschen wollen gewinnen. Das gehört zur Natur des Spiels. Doch Walking Football wurde nicht erfunden, um eine langsamere Version des Altherrenfußballs zu schaffen.

Er wurde erfunden, um Menschen das Spielen überhaupt wieder zu ermöglichen.

Der größte Erfolg des Walking Footballs ist deshalb nicht ein Pokal.

Der größte Erfolg ist der Spieler, der nach einem Herzinfarkt wieder auf dem Platz steht.

Die Frau, die nach einer schweren Erkrankung wieder Teil einer Mannschaft wird.

Der Senior, der mit über 75 Jahren noch einmal das Gefühl erlebt, zu einer Gemeinschaft zu gehören.

Diese Menschen sind das eigentliche Zentrum des Sports.

Wenn sie den Platz verlassen, weil sie sich durch Härte, Ehrgeiz oder Regelmissachtung nicht mehr sicher fühlen, verliert Walking Football seinen eigentlichen Sinn.

Die Zukunft dieser Sportart wird deshalb nicht durch Weltmeisterschaften entschieden.

Sie wird durch Haltung entschieden.

Durch Schiedsrichter, die Regeln durchsetzen.

Durch Vereine, die Fair Play ernst nehmen.

Durch Spielerinnen und Spieler, die verstehen, dass das Gehen keine Einschränkung, sondern die Grundlage des Spiels ist.

Walking Football steht heute an einer Weggabelung.

Der eine Weg führt zurück zu einer abgeschwächten Kopie des Fußballs, die immer mehr von Tempo, Körperlichkeit und Erfolgsdruck geprägt wird.

Der andere Weg führt zu einer eigenständigen Sportkultur, in der Teilhabe, Respekt und Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob der Walking Football noch zu retten ist.

Die eigentliche Frage lautet:

Ist der Walking Football bereit, sich daran zu erinnern, warum er erfunden wurde?

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