DER VEREIN DER WOCHE #2 – SpVgg 1951 Frankenbach

Zwischen Dorfplatz, Naturrasen und dritter Halbzeit: Wie Walking Football im Gleiberger Land Wurzeln schlägt

Im Gleiberger Land, genauer gesagt im Biebertaler Ortsteil Frankenbach, zeigt sich eindrucksvoll, wie Walking Football entsteht: nicht durch große Programme, sondern durch eine Idee, Beharrlichkeit — und Menschen, die einfach anfangen.

Walking Football Team des SpVgg 1951 Frankenbach bei der Übergabe der beiden Gehfussballtore durch Bürgermeisterin Patricia Ortmann (links neben Tor kniend) und Kreisfussballwart Henry Mohr (links neben Tor stehend)

Bei der SpVgg 1951 Frankenbach ist diese Geschichte eng mit einem Namen verbunden: Christoph Haus.
Er entdeckte Walking Football eher zufällig — beim Scrollen durch Facebook. Doch aus diesem digitalen Impuls wurde ein reales Projekt.

Damals war Haus Abteilungsleiter der Alten Herren. Er wusste, wie viele ehemalige Fußballer im Verein noch da waren — körperlich vielleicht nicht mehr im klassischen Wettkampfmodus, emotional aber weiterhin tief mit dem Spiel verbunden. Walking Football erschien ihm als Brücke zurück auf den Platz.
Mit Unterstützung von Werner Abraham, der Walking Football in Hessen verbandlich vorantreibt, nahm die Idee Gestalt an.


Ein Dorf als Spielfeld

Frankenbach steht exemplarisch für viele ländliche Räume: Vereinsleben funktioniert nur, wenn Menschen Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig werden diese Menschen weniger.

Walking Football machte die SpVgg zwar nicht plötzlich zu einem großen Sportzentrum — aber zu einem Vorreiter.
Im gesamten Landkreis Gießen gibt es nur wenige Angebote. Und noch immer wird Walking Football mancherorts belächelt. Ein Phänomen, das viele Initiativen kennen.

Trotz Einladungen blieb der erhoffte Besuch anderer Vereine zunächst aus. Doch Frankenbach blieb dran.


Freitags ist Walking Football — und danach Geschichten

Der Trainingsalltag ist bewusst unkompliziert.

Freitagabend, Naturrasen, 18:30 Uhr.
Jeder wärmt sich selbst auf. Teams werden gebildet. Es wird gespielt.

Keine komplizierten Übungsformen. Kein Leistungsdruck. Bewegung, Begegnung und der Ball im Mittelpunkt.

Die Gruppe ist altersmäßig bunt gemischt — etwa von 40 bis 70 Jahren. Die Atmosphäre ist freundschaftlich, humorvoll, manchmal mit den typischen Fußballersprüchen, aber immer respektvoll.

Und dann kommt die berühmte dritte Halbzeit.
Sie ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Konzepts. Geschichten von früher, Geburtstagsrunden, gemeinsames Sitzen. Der Freitag ist bewusst gewählt — damit niemand am nächsten Morgen zu früh raus muss.

Ein Ritual gibt es dennoch: der „Erfrischungswürfel“.
Kühl, gemeinschaftlich organisiert, fest eingeplant.


Wer kommt — und warum sie bleiben

Frankenbach zieht Menschen aus mehreren Orten an — Herborn, Pohlheim, Wieseck.
Als Vorreiter entsteht automatisch eine regionale Rolle.

Neue merken schnell: Gehen heißt nicht, dass es leicht ist. Man kommt ins Schwitzen. Gleichzeitig sorgt die offene Atmosphäre dafür, dass viele bleiben.

Kooperationen bestehen etwa mit der SG Vetzberg, wo alte Verbindungen aus dem aktiven Fußball weiterleben. Vereinsnetzwerke zeigen hier ihre langfristige Kraft.


Der Moment, in dem es mehr wurde

Es gab keinen großen Wendepunkt — sondern ein schleichendes Gefühl:
Man freut sich auf das Training.

Walking Football brachte zudem neue Dynamik ins Vereinsleben. Zwei Frauen gehören zur Gruppe, eine ist mittlerweile sogar zweite Vorsitzende. Die Gemeinde listet das Angebot inzwischen gezielt als Sport für ältere Menschen.

Was als Experiment begann, wurde Teil der Vereinsstruktur.


Vom belächelten Projekt zum Mitgliedergewinn

Innerhalb des Gesamtvereins änderte sich die Wahrnehmung spürbar.

Anfangs Skepsis.
Heute neue Mitglieder, neue Engagementbereitschaft und Menschen, die sich auch außerhalb des Sports einbringen.

Christoph Haus ist inzwischen selbst erster Vorsitzender — ein Beispiel dafür, wie Walking Football nicht nur Spieler, sondern auch Vereinsentwicklung beeinflussen kann.


Aufbauarbeit bedeutet Durchhalten

Zwischen 20 und 30 Personen umfasst die Gruppe heute.
Der Weg dorthin war geprägt von Organisation, Schlüsselverantwortung, Werbung — und Geduld.

Ein symbolischer Meilenstein war die Teilnahme an der Hessenmeisterschaft.
Was zunächst als „verrückt“ galt, wurde zu einem Erfolgserlebnis: ein Pflichtspiel gegen Eintracht Frankfurt — entschieden erst im Elfmeterschießen.

Solche Erfahrungen verändern Selbstbilder.

2026 folgt der nächste Schritt:
Zum 75-jährigen Vereinsjubiläum richtet die SpVgg am 13. Juni 2026 ihr erstes eigenes Walking-Football-Turnier aus.


Begegnung als Motor

Nicht alle wollen Turniere — und das wird respektiert.
Andere suchen genau diesen Austausch.

Der Hessencup in Grünberg ist daher ein fester Termin. Ebenso Freundschaftsspiele und spontane Turnierteilnahmen — selbst mit Minimalbesetzung. Verlässlichkeit wird wahrgenommen und stärkt Beziehungen.

Christoph Haus ist zudem Teil des bundesweiten Netzwerks und beteiligt sich aktiv am Austausch. Die Haltung dahinter ist klar: Entwicklung funktioniert nur gemeinsam.


Was sich bei Menschen verändert

Sportlich geht es weniger um Leistungssteigerung als um Bewegung zurückgewinnen.
Einige sind wieder aktiver. Für viele ist es vor allem ein sozialer Treffpunkt.

Auch Herausforderungen gehören dazu — Verletzungen, kleine Gruppenphasen, Winterpausen. Walking Football zeigt hier seine Realität: nachhaltig statt spektakulär.


Ein persönliches Projekt bleibt persönlich

Haus beschreibt sich selbst als jemanden, der Dinge ausprobiert.
Wenn ein Angebot fehlt, schafft man es.

Walking Football war für ihn die passende Alternative zum klassischen Fußball — vertraut, aber körperlich machbar. Statt zu wechseln, gründete er.

Und wer ein solches Projekt startet, bleibt verbunden.


Vereinsarbeit als Haltung

Sein Verständnis von Engagement ist schlicht:
Kritik ist erlaubt — Verantwortung gehört irgendwann dazu.

Diese Haltung prägt auch die Entwicklung des Vereins. Neue Ideen zulassen, Altersgruppen verbinden, Angebote schaffen. Walking Football wird so Teil einer größeren Vereinsstrategie.


Regionale Vernetzung als Schlüssel

Die Gemeinde unterstützte konkret — etwa durch zwei Tore, die im Wahlkampf zugesagt wurden.
Spieler kommen aus mehreren Ortsteilen. Walking Football wirkt damit über den Vereinsrahmen hinaus.

Im Landkreis Gießen existieren nur wenige Angebote:
TV Großen-Linden, SG Reiskirchen/Bersrod/Lindenstruth, VfB Rodheim/Horloff und Blau-Weiß Gießen (Damen).

WhatsApp-Gruppen, Organisatorentreffen und Unterstützung durch den Kreisfußballwart bilden ein kleines, aber wachsendes Netzwerk — im geografischen Dreieck zwischen Lahn-Dill und Marburg-Biedenkopf.


Blick nach vorn

Große Expansionspläne gibt es nicht.
Der Wunsch ist bodenständig: Das Angebot erhalten.

Mehr Frauen wären willkommen. Der Platz ist da, das Sportheim auch. Die Grundlage stimmt.


Der Rat aus Frankenbach

Christoph Haus formuliert den vielleicht wichtigsten Satz für neue Initiativen:

Geduld.
Und nochmal Geduld.

Walking Football wird noch immer unterschätzt. Doch oft ist es die einzige fußballnahe Alternative jenseits klassischer Gymnastik. Werbung, Einladungen, persönliches Ansprechen — irgendwann entsteht Dynamik.

Und wenn gar nichts hilft: Freunde mitbringen.

Denn am Ende geht es um Bewegung, Gemeinschaft — und die dritte Halbzeit.

Die Abteilung Gehfussball und Christoph Haus erreicht ihr unter gehfussball@spvgg-1951-fkb.de


GEHZETTE-Einordnung

Frankenbach zeigt ein Muster, das sich bundesweit beobachten lässt:
Walking Football wächst nicht zuerst über Strukturen, sondern über Menschen. Über Dorfplätze, Freitage, kleine Gruppen und große Beharrlichkeit.

Es ist leise Aufbauarbeit — und genau deshalb nachhaltig.

Einmal Fußballer. Immer Fußballer.
Manchmal eben im Gehen.

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